Von der Mechanik bis
zur Elektronik, von der Spielwalze bis zur Digitaltechnik ...
Wenn ich Ihnen hier Max
Krieger und sein wunderbares Museum vorstelle, dann erfahren Sie
unweigerlich
auch etwas über das Naturell eines Sammlers.
Echte Sammler sind
Menschen, die ihr großes Ziel – oder genauer: die selbst
gesetzte Aufgabe - mit unbeirrbarer Leidenschaft verfolgen.
Keine
Mühe ist zu groß, kein Aufwand zu hoch, keine Reise zu weit. Bis
sich endlich ein weiteres Stück im Besitz des Sammlers befindet,
um wohl geordnet
in Vitrinen, Regalen, Tresoren oder Schubladen seinen endgültigen Platz zu
finden. Dabei stoßen wir für gewöhnlich auf zwei ganz
verschiedene Vertreter der Spezies. Die einen wollen nur für
sich genießen, betrachten, besitzen – die Stücke verschwinden
praktisch unwiderbringlich in den
Händen des Besessenen und treten erst dann wieder zu Tage, wenn
die Erben den Besitz versilbern. Die anderen verfolgen ein
größeres Ziel: die Sammlung soll stolz präsentiert werden, dient
womöglich sogar einem höheren Zweck.
Ich weiß übrigens, wovon ich rede - ich bin ebenfalls Sammler.
Und wie alle Sammlernaturen muß ich immer hübsch aufpassen, dass
mein kleines
Leiden nicht völlig die Oberhand gewinnt ... Aber was ist eigentlich das
wichtigste Kennzeichen des eichhörnchenfleißigen Sammlers? Na
klar: sein Sammelgebiet, oder besser: seine Sammelgebiete. Doch
wer im Lauf eines Sammlerlebens nicht vollends unter Hab und Gut
ersticken oder diverse Hallen anmieten will, der tut gut daran,
seine Besessenheit auf ein bis höchstens zwei Themen zu
begrenzen. Und wer darüber hinaus nicht nur für sich selber,
sondern auch für seine Mitmenschen etwas Gutes tun will, der
sucht sich statt den üblichen Bierdeckeln, Briefmarken,
Zinnkrügen oder den Jahrbüchern des örtlichen
Karnickelzüchtervereins etwas aus, was auch andere interessieren
könnte. Ist die Sammlung schließlich umfangreich und präsentabel
genug, nimmt zumindest ein Teil der Sammler die Krönung ihres
Schaffens ins Visier: eine eigene Ausstellung!
Die Sissyphus-Aufgabe
Auch Max Krieger ist, wie
gesagt, ein Sammler. Und er muß einst zu den wirklich
fanatischen Vertretern seiner Gattung gehört haben. Anders wäre
wohl kaum Realität geworden, was heute das „Klingende Museum“
heißt. Mitten in der Altstadt von Riedenburg im Altmühltal
gelegen,
widmet sich das Klingende Museum der Tonwiedergabe von ihren
frühesten Anfängen bis hin zur modernen digitalen Technik. Eine
unglaublich
liebevoll präsentierte, mit einer wahren Fülle von Exponaten
versehene Ausstellung über 150 Jahre (Musik-) Technikgeschichte,
die in diesem Gesamtzusammenhang und solcher Ausführlichkeit
nirgendwo besser präsentiert wird. Zumal es Max Krieger gelang,
in über 30 Jahren mehr als 500 wunderbare Stücke zusammen zu
tragen, die jeweils einen Eckpfeiler oder sogar Meilenstein der
Musik- und Sprachwiedergabe-Geschichte darstellen.
Was sich nach einer
Sissyphus-Aufgabe anhört, dürfte durchaus auch eine solche
gewesen sein. Zumal das Aufspüren ganz bestimmter Stücke
detektivischen Spürsinn, Durchhaltevermögen und, abgesehen vom
guten Riecher eines erfolgreichen Sammlers, natürlich immer auch
eine gehörige Portion Glück erforderte. Über den bisweilen
nötigen finanziellen Einsatz schweigen Sammler freilich wie ein
Grab ...
Davon ganz abgesehen, stellt Max Krieger selber sozusagen auch
eines der Ausstellungsstücke dar – was dem symphatischen Sammler
wohl gar nicht
so richtig bewußt ist. Er
ist nämlich auch so etwas wie ein Lexikon, eines, das jederzeit
einer umfangreichen Excel-Tabelle Konkurrenz machen könnte. Denn
aufs Stichwort sprudeln aus dem Riedenburger Zahlen, Daten und
Fakten nur so heraus. Der Mann kennt offenkundig nicht nur alle
seine
Objekte und deren Geschichte in- und auswendig, nein, darüber
hinaus ist Max Krieger auch so eine Art von
HiFi-Historien-Datenbank auf zwei
Beinen. In der stecken nicht nur Grammophon- und
Aufnahmetechnik, Schallplatten- und Radiohistorie, darüber
hinaus Digitaltechnik, frühere Quadrophonie-Anstrengungen,
Equalizer, Röhrenverstärker, Lautsprecher-Geschichte,
Videotechnik sowie sogar Diktiergeräte und last, but not least,
eine Sonderausstellung, die über 1000 verschiedenen
Grammophon-Nadeldosen gewidmet ist!
Der Eingang des
„Klingenden Museums“ in der Riedenburger Altstadt ist
unübersehbar – wenn man erwartungsvoll nach oben schaut. Dort
ziert nämlich ein alter Lautsprecher-Trichter das Eck-Gemäuer
eines ehrwürdigen, alten Bürgerhauses aus dem 16 Jahrhundert.
Das im Erdgeschoss angesiedelte Bekleidungshaus Bühler verdient
es übrigens, unbedingt genannt zu werden, stellt der Besitzer
doch die Räumlichkeiten des in den Stockwerken darüber liegenden
„Klingenden Museums“ zur Verfügung. Über zwei Treppen geht es
dann nach oben, die ersten, eher videoorientierten Exponate
stehen bereits vor dem Aufgang zu den insgesamt 250 Quadratmeter
Fläche umfassenden Museumsräumen. Vinylfans dürften dann bereits
im Museumsflur wie angewurzelt steckenbleiben: Eine
Sonderausstellung dokumentiert hier inzwischen deutlich mehr als
100 Jahre Schallplattengeschichte von den ersten
Versuchsscheiben über die Schellacks bis hin zur „modernen“
HiFi-Schallplatte. Dabei müssen selbst intime Kenner der Materie
zugeben, diverse der hier ausgestellten Stücke noch nie
leibhaftig gesehen zu haben.
Geister aus der
Vergangenheit
Beim Eintreten in den
ersten Raum des eigentlichen Museums stockte einem alten
Radio-Sammler wie mir dann doch der Atem – was Max Krieger
hier zusammengetragen hat, ist schon höchst beeindruckend. Der Streifzug
quer durch die Geschichte des Rundfunks anhand berühmter
Beispiele beginnt mit den ersten Detektor-Empfängern, zeigt dann
die Radiotechnik der 20er und 30er Jahre und verschweigt
natürlich auch nicht die 40er mit
allen Varianten der sogenannten Volksempfänger. Faszinierend,
dass Max Krieger sozusagen nicht nur „Hardware“, sondern auch
„Software“ präsentiert: Auf Knopfdruck sind alte Tonbeispiele zu
hören, die – geisterhaft – auch aus den Lautsprechern der
Radioexponate erklingen.
Lili Marleen und Kaiser
Wilhelm II treten auf, dazu auch andere Akteure, bei deren
Stimme es dem geschichtsbewußten Zuhörer
kalt den Rücken hinunter rieselt.
Auch bei den Radios gilt
natürlich Max Kriegers „Meilenstein“-Prinzip: Deshalb fehlen
weder der berühmte „Ortsempfänger“ von Loewe, das erste
in großen Stückzahlen angebotene „Volksradio“, noch 30er-Jahre-Empfänger
in der schönen „Kathedralen“-Bauweise.
Für den Radiosammler
womöglich das beeindruckendste Exponat: ein „Steilpult“-Empfänger
von Siemens&Halske, der mit seinen zum schnellen Wechseln offen
eingebauten Röhren ein Glanzstück von 1925 darstellt. Ein
wunderschönes amerikanisches Truhenradio aus der gleichen Zeit
fand ebenfalls den Weg nach Riedenburg.
Aber, um geschichtlich
korrekt zu sein, müssen wir an sich zuerst in das 18.
Jahrhundert zurück gehen. Im Museum beginnt die Frühgeschichte
künstlich erzeugter Töne einen Raum weiter, dort, wo die
Schweizer Spielwalzen stehen. Mechanische Vorrichtungen stellten
ja lange Zeit die einzige Möglichkeit dar, künstlich Klang zu
erzeugen; diese Spielwalzen sind höchst filigrane, in edel
gefertigte Holzschatullen verpackte feinmechanische, aufziehbare
Kunstwerke, die man unbedingt ganz genau anschauen sollte, um
die haarfein auf den Walzen angebrachten Stifte zu erkennen.
Ganz erstaunlich, zu was die damalige Feinwerktechnik imstande
war! Dass es diese „Musikmaschinen“ unserem Sammler
augenscheinlich ganz besonders angetan haben, demonstrieren
zahlreiche Polyphon-, Symphonoium- und Blechplatten-Geräte aus
der Leipziger Schule bis hin zu einem mehr als mannsgroßen
Exemplar, dessen Musikvorrat in riesigen, runden Lochscheiben
verewigt ist.
“mary had a little lamb“
Immer noch rein
mechanisch, aber doch erstmals fähig, die menschliche Stimme zu
speichern, war 1877 dann endlich Edisons Walzen-Phonograph.
Der darf in einer solchen Sammlung keinesfalls fehlen, bildet
hier sogar einen Schwerpunkt: Erstklassig erhaltene,
verschiedene Exemplare
demonstrieren die verwendete Wachswalzen-Technik, erstmals
begegnen wir hier dem schallverstärkenden Trichter in diversen
Varianten und selbstredend Edisons Stimme in Form von „Mary had
a little lamb“. Übrigens waren die Phonographen, jetzt mal
abgesehen vom
schallverstärkenden Trichter, erstaunlich kompakte Maschinchen.
Aber schon zehn Jahre später, 1877, erfand Emil Berliner das
Grammophon
und legte so den Grundstein für eine Technik,
die heute, 130 Jahre später, prinzipiell immer noch aktuell ist
– zumindest die Schallplattenfans werden mir da beipflichten!
Mit den Grammophonen verbindet Max Krieger unübersehbar eine
ganz besondere Leidenschaft. Die Vielzahl der Stücke und deren
technische Varianten stellen unzweifelhaft einen Schwerpunkt der
Ausstellung dar; repräsentiert sind nicht nur Experimente mit
Seiten- und Tiefenschrift,
sondern natürlich auch das ganze Spektrum von Stand-, Tisch- und
tragbaren Geräten bis hin zu den Kindergrammophonen. Als ganz
besonderer Leckerbissen darf dabei eine Ausstellung mit rund
1000 verschiedenen Grammophon-Nadeldosen gelten, deren
künstlerische und amüsante
Gestaltung den Betrachter immer wieder Neues entdecken läßt.
Aber halt, da sind wir ja schon im nächsten Raum der Ausstellung
– Radios der 50er Jahre, Aufnahmetechnik, frühes HiFi und die
dazugehörigen Plattenspieler.Die markantesten Geräte dieser Zeit
sind zweifellos die diversen Tonbandgeräte, zeitlich vorher die
Magnet-Aufnahmen auf entsprechenden „Schallplatten“ sowie ganz
frühe Draht-„Band“-Geräte.
Die ersten, riesigen
Röhren-Tonbandmaschinen werden unseren Vätern noch geläufig
sein, spätere, transistorierte Geräte wurden kleiner und
eleganter.
Wußten Sie eigentlich,
dass AEG das Tonband in den 30er Jahren entwickelt hat? Und
wußten Sie, dass Thorens damals schon wunderschöne, verchromte
Einbau-Plattenspielerchassis baute, zweifelsfrei frühes Highend?
Doch die Ausstellung
bietet Highlights am Fließband: den ersten HiFi-Receiver der
Welt,
nämlich den berühmten Harman-Kardon „Festival“ hätte ich am
liebsten eingepackt, schon gar in diesem perfekten Zustand.
Schönstes Art Deco
in feinster Röhrentechnik, damals noch Mono, versteht sich. Gleich daneben
steht die zu ihrer Zeit bahnbrechende Radford
Vor-/Endverstärkerkombi – ja, genau jene, für die asiatische
Sammler Haus und Hof drangeben würden ...
Deja-vu-Ausstellung
Höchste Zeit, ein
Stockwerk höher zu traben. Zeitlich bewegen wir uns dabei
ebenfalls aufwärts, hin zu den volltransistorierten
Gerätschaften.
Mit Ausnahme zwei dicker alter Fernsehertruhen der Bild-Frühzeit und
vorbei an einer sehenswerten anderen Abteilung des Museums, die
der Geschichte der Schreibmaschine gewidmet ist. Aber das ist
eine andere Story ... Wir landen beim ersten Transistorradio,
den Kofferradios – einem 50er- und 60er-Jahre-Phänomen -, sowie
der beginnenden Sterotechnik. Was die betrifft, so hat Max
Krieger ausnahmslos jedes Gerät zusammengetragen, das als
Meilenstein der Entwicklung gelten darf. Ältere Semester unter
den HiFi-Fans dürften hier das eine oder andere schöne
Deja-vu-Erlebnis haben, ebenso die im Zeitalter von digitalem
Surroundton nur noch in Geheimzirkeln anzutreffenden
Quadrophonie-Freaks,
die sich über den Anblick des wuchtigen Sansui QR 4500 freuen.
Vom ersten
Subchassis-Plattenspieler, dem Thorens 150, über den ersten
Direkttriebler, dem Technics SL 1100, bis hin zur ersten
transistorierten HiFi-Verstärker/Tunerkombi von Grundig – alles da.
Den absolut ersten
transistorierten HiFi-Verstärker weltweit – den Heathkit AA22
von 1963 - hat Max Krieger natürlich ebenfalls aufgetrieben.
Und als die Digitaltechnik 1983 den Massenmarkt eroberte, tat
sie dies mit der CD: Die erste Silberscheibe und den ersten
Player
Philips CD100 darf man ebenfalls bestaunen, die kurz danach
präsentierten Konkurrenten Hitachi DA1000 sowie Sony CDP101
fehlen
ebensowenig wie der Marantz CD73.
Alle Meilensteine der
Videotechnik sind ebenfalls zu besichtigen, ebenso natürlich
PCM-Recorder, Minidisc-Geräte und die verschiedenen
Vertreter der Cassettentechnologie.
Alles aufzuzählen, was das
Klingende Museum zu bieten hat, ist praktisch unmöglich. Und die
Bilder, die wir Ihnen in HiFi-tunes zeigen können,
stellen nur eine kleine Auswahl der Exponate dar. Was
normalerweise in Ausstellungen äußerst ungern gesehen wird, war
für unseren Fotografen
Rolf Winter und mich übrigens erlaubt: Wir durften anfassen, fürs
Fotografieren sogar Stücke aus den schweren Metallregalen holen.
Übrigens pflegt der Besitzer einen erstaunlich entspannten
Umgang mit seinen Exponaten, ganz ungewöhnlich für einen
erfolgreichen Sammler.
Der hat nunmehr das Gefühl, mit den neuesten Stücken – der DVD
und den MP3-Geräten gewidmet - sein Werk getan zu haben.
Mit leisem Wehmut, zugegeben, scheinen die modernen Geräte und
Systeme zwar einen zuvor nie dagewesenen Perfektionsgrad zu
besitzen, aber dennoch keinen allzu großen bewahrerischen Reiz
mehr auszuüben ...
Der Laden: Röhren &
Hörner, Vinyl & Altertümer
Einen weiteren kleinen
Ausflug ums nächste Riedenburger Hauseck herum dürfen wir Ihnen
keinesfalls verschweigen: Max Krieger ist nämlich
in erster Linie HiFi-Händler mit einem wen wundert`s, „kleinen“ Faible für
die jüngeren Altertümer und Meilensteine unseres Genres.
In seinen privaten
Gemächern hätschelt der musikbegeisterte Händler nicht nur eine
imposante Plattensammlung, sondern auch eine atemberaubende
JBL Paragon, die, angetrieben von Air Tight-211-Monos und einem
Schiefele-Vorverstärker, schlicht gut klingt – äh, Untertreibung
des Jahres,
Sorry: es klingt nämlich verdammt gut. Vorneweg gespeist von
einem standesgemäß in den Kontext passenden EMT, versteht sich.
Ebenfalls nicht verschweigen sei, dass der ebenfalls „leicht“
antiquarisch infizierte Autor dieser Zeilen angesichts einiger
Objekte in den Verkaufsräumen von Audio Creativ ziemlich lange
Zähne bekam ... Den Laden möchte ich Ihnen deswegen nicht
weniger ans highfidele oder technisch-historisch interessierte
„Herz“ legen als das Klingende Museum. HiFi-Fans sollte es an
Argumenten für Tagesausflüge und Urlaubsplanung übrigens nicht
fehlen:
Riedenburg ist ein schönes Städtchen in wunderschöner Umgebung
und deshalb immer einen Besuch wert!
Roland Kraft
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